Mit diesem Tweet habe ich jüngst eine kleine Debatte zwischen bekannten Namen des deutschen Datenjournalismus losgetreten, eigentlich ganz aus Versehen. Er verlinkt auf einen meiner ersten Beiträge dieser Seite, in dem ich zwei Rechercheansätze im DDJ erklärt hatte. Zumindest dachte ich, dass Datenjournalisten sie kennen, so nennen und tatsächlich auch so arbeiten. Falsch gedacht!

 


Weil Björn Schwentker beim Qualitätsbattle auf der diesjährigen Netzwerk Recherche Konferenz etwas zu dem Thema gesagt hatte, zog ich ihn mit in meinen Text und damit auch in den Tweet. Nicht nur, dass er mir anschließend seine Haltung dazu besser erklären konnte. Seine Antwort gab meinem Text ein größeres Publikum und löste so eine kleine Grundsatzdebatte zur Frage Was ist Datenjournalismus? aus. Dabei musste ich feststellen: was ich für bekannte Rechercheansätze von Datenjournalisten hielt klingt in der Praxis ganz anders. So scheinen einige Datenjournalisten den Begriff number-crunching gar nicht zu verwenden, für andere ist er ein Synonym für Datenanalyse im Allgemeinen oder mit exploration gleichzusetzen.

 

 

Ich bin 22 Jahre alt und will Datenjournalistin werden. Was macht mich zu einer Datenjournalistin? Bei Literaturrecherchen für Hausarbeiten und Essays habe ich schnell feststellen können, dass ich jede mögliche Antwort auf diese Frage erhalten kann. Es kommt nur darauf an, wem ich sie stelle. Jetzt konnte ich diese Uneinigkeit live bei Twitter mit verfolgen.

 

  Björn Schwentker beispielsweise scheint diese Grundsatzdebatte immer noch sehr wichtig zu finden. Nachdem er das Thema schon auf der Netzwerk Recherche Konferenz aus der Schublade geholt hatte, kam es nun wieder auf den Tisch.  Das freute wohl im ersten Moment nicht jeden, denn viele scheinen der Diskussion müde geworden zu sein. Verständlich, denn Datenjournalisten wie Sylke Gruhnwald wollen arbeiten und nicht immer nur über Definitionen debattieren.

 

Doch ob Datenjournalismus eine eigene Darstellungsform oder „nur“ eine journalistische Methode ist: er braucht eine Standortbestimmung, eine Theorie hinter der Praxis. Alle aktuellen Datenjournalisten sind selfmade-Produkte. Sie haben verschiedene Sachen ausprobiert und so gelernt, was wie in welcher Zeit möglich ist. Obwohl ich Lorenz Matzat recht damit gebe, dass ich am meisten lerne, wenn ich praktiziere, finde ich es nicht verkehrt mich gleichzeitig mit der Praxis auch mit der Theorie zu beschäftigen. Und sie festzuhalten. Was Datenjournalismus ist, was ein Datenjournalist können muss, dass definiere ich danach, was Menschen wie Björn Schwentker, Sylke Gruhnwald, Julius Tröger und Lorenz Matzat tagtäglich machen: ihre Arbeit.

 

  Ich will von dem profitieren, was diese selfmade-Datenjournalisten bereits gelernt und entdeckt haben. Ich will nicht nur wegen einer fehlenden Berufsdefinition quer Beet Programmiersprachen lernen, weil ich nicht weiß, ob man solche Kompetenzen als Datenjournalistin von mir erwarten wird. Bisher beherrsche ich R ganz gut, muss aber feststellen, dass es in Deutschland weniger üblich ist selbst zu programmieren. Viele Datenjournalisten arbeiten in Teams mit Codern und Grafikern zusammen. Trotzdem finde ich R für mich sehr sinnvoll und bin froh, es gelernt zu haben. Auch wenn ich später vielleicht mal mit Menschen zusammenarbeite, die viel effizienter coden können als ich. Immerhin verstehe ich sie dann gut. Heißt das jetzt, dass für mich jeder Datenjournalist irgendeine Programmiersprache können sollte? Das denke ich nicht. Aber ist ein Journalist schon ein Datenjournalist, nur weil er seinem Coder einen Datensatz übergibt und ihm sagt, was er damit anstellen soll?

 

Ich stelle nicht die Erwartung an mich, irgendwann mal eine tadellose Definition für alle Methoden des Datenjournalismus aufzustellen. Ich will mich nur genauso viel mit der theoretischen Seite wie mit der praktischen Seite vom DDJ befassen, weil ich mal eine gute Datenjournalistin werden will und noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Auch wenn manch einer die Diskussion als Zeitverschwendung und sinnlos bezeichnen mag: ich hab Zeit. Und für mich ist sie keineswegs sinnlos. Weil ich Datenjournalistin werden will ist sie für mich sogar existentiell. Und ich bedanke mich herzlich dafür, dass mir so viele meiner DDJ-Vorbilder mit dieser kleinen Twitterdebatte etwas darüber beigebracht haben. Den Beitrag über die Rechercheansätze konnte ich so schonmal überarbeiten.