Karim[1] steht in einem wasserlosen Brunnen, direkt über dem Abfluss. Ein Brunnen im Innenhof einer Villa, irgendwo in der syrischen Stadt Aleppo. Er zwingt sich in eine lässige Haltung, steckt die Hände locker in seine Hosentaschen und zieht beide Augenbrauen gelangweilt nach oben. Er ist sich sicher,  dass er jetzt sterben muss.

 

Karim ist 27 und kommt aus Latakia, einer Hafenstadt im Westen Syriens. Dort spielt er in einer Straßenkapelle Trompete und engagiert sich bei den Pfadfindern. Er arbeitet bei Rechtsanwälten und am Hafen, verdient gutes Geld. Obwohl er weiß, dass die Landstraßen gefährlich sind steigt Karim Ende November 2013 in einen Bus Richtung Aleppo. Er will die letzte Prüfung des Semesters schreiben und sich so nebenbei auch ein weiteres Jahr vom Militärdienst befreien. In Aleppo studiert er Jura, die Uni in Latakia bietet das Fach nicht an.

Eigentlich sollte die Busfahrt weniger als drei Stunden dauern, nicht mal 250km sind es. Trotzdem plant Karim zwölf Stunden ein, denn einige Abschnitte werden von verschiedenen Milizen kontrolliert. Jeder der eine Waffe hat, kann Fahrzeuge anhalten. Sie sind schon Stunden unterwegs und kurz vor Aleppo, als zwei Männer den Bus zum Stehen bringen. Mit einer Kalaschnikow bewaffnet steigen sie ein und verlangen Karims Papiere. „Ich bin vom Regime. Kennst du jemanden von der Opposition?“, will einer der Männer wissen. Karim schüttelt den Kopf. „Ich bin von der Opposition, kennst du jemanden vom Regime?“ Was für ein Spiel spielen diese Männer?  Karim bekommt Angst: „Ich hab nichts damit zu tun, ich bin Student. Ich muss zu einer Prüfung. Ich kenne niemanden.“ Der Mann horcht auf. „Student? Du wohnst in Latakia aber studierst in Aleppo?“

Wer seine Kinder zum studieren in eine andere Stadt schicken kann, der hat Geld, das weiß jeder. Karim muss aussteigen. Der Bus fährt ohne ihn weiter.


Es geht auf die 18 Uhr zu, es wird dunkel und kalt. Karim sitzt auf der Rückbank eines PKW, Panik steigt in ihm hoch. Er hat versucht zu erklären, dass er nur die Prüfung machen will, dass er ihnen nicht helfen kann. Die Männer hören ihm nicht zu. „Glaub nicht, dass du heute wieder freigelassen wirst.“ Sie bringen ihn an den Rand von Aleppo, in ein ausgeplündertes Villenviertel. Karim hat Todesangst. Er gibt den Männern seine Uhr, sein Geld, sein Essen. Sie sollen alles nehmen was er hat, ihn gehen lassen. Stattdessen findet er sich wenig später in einem Keller wieder. Und dort ist Karim nicht allein. Der Keller ist voller junger Männer. Sie stehen in Grüppchen beisammen, viele reden über Politik. „Auf wessen Seite bist du?“, wird Karim gefragt, „Demonstriert man viel in deiner Stadt?“. Karim hält sich zurück, gibt keine direkten Antworten. Im Augenwinkel hat er bemerkt, dass einer der Männer bewaffnet ist. Karim kann niemandem trauen.

 

Nach einigen Stunden wird er abgeholt. Karim ist starr vor Angst, als die Männer ihn vor eine zerlöcherte Wand stellen. War es das jetzt? Muss er jetzt sterben? Als einer der Männer sein Gewehr auf ihn richtet, legt sich in Karims Kopf ein Schalter um. „Du willst mich töten?“, er spricht mit fester Stimme, „Dann erschieß mich doch! Ich werde in den Himmel gehen, du kommst in die Hölle“. Kurze Verwirrung. Dann wird Karim gepackt und in den Innenhof gezerrt. Er muss sich in den Brunnen stellen, nah an den Abfluss. Damit das Blut direkt abfließen kann. Karim verliert jedes Gefühl für seinen Körper. Die Entführer verhören ihn, stellen Fragen zu seinen Eltern und Geschwistern. Karim zwingt sich in eine lässige Pose, gibt freche Antworten. Er ist sich sicher, dass er jetzt sterben muss. Drei Männer zielen mit ihren AKs auf ihn. Mit seinem Handy lassen sie ihn seine Eltern anrufen. Karim atmet tief durch, versucht, ruhig und gelassen zu klingen. „Mir geht es gut. In ein paar Tagen bin ich wieder da. Vielleicht auch in ein paar Wochen“, er macht eine kurze Pause, „Wenn sie Geld wollen zahlt ihr keinen Piaster.“

 

Seit Beginn der Revolution bis Anfang März 2015 zählte das Violations Documentation Center in Syria (VDC) 1.305 entführte syrische Zivilisten. „Darin nicht enthalten sind alle vom Regime festgehaltenen Syrer“, erklärt Bassam al-Ahmad, Sprecher des VDC. Vor allem erwachsene Männer seien entführt worden, gut zehnmal mehr als Frauen. Auch bei den Kindern traf es dreimal mehr Jungen als Mädchen. Mit der Dunkelziffer könnte es noch weitaus mehr Entführungen gegeben haben. Denn im Vergleich zu den 191.369 Todesopfern, die die UN bis April letzten Jahres zählte, konnte das VDC mit knapp 111.422 bis diesen Januar vergleichsweise wenige dokumentieren. Die Frage, wer die Entführer sind, ist noch viel schwieriger zu beantworten. „Gut ein Viertel der von uns dokumentierten Entführungen wurden dem Islamischen Staat zugeschrieben, fast die Hälfte konnten wir keiner der großen bekannten Milizen zuordnen.“

Es ist Karims dritter Tag in Gefangenschaft. Er lebt. Mittlerweile ist der Student schon zu seiner dritten Hinrichtung geführt worden und immer wieder zurückgekommen. In der Villa ist viel Bewegung. Bewaffnete kommen und gehen, Männer werden freigelassen, neue Gefangene vorbeigebracht. Karim kümmert sich um die Neuankömmlinge, spricht ihnen Mut zu. Doch irgendwas stimmt nicht, irgendwas läuft nicht wie es laufen sollte. Seine zwei Entführer sind schon lange nicht mehr aufgetaucht, die anderen Männer scheinen nervös zu sein. Mitten in der Nacht wird Karim aus dem Schlaf gerissen. „Wo ist mein Cousin?“, brüllt ihn einer der Aufpasser an. Er richtet seine Kalaschnikow auf ihn, ist rot vor Wut, „Wenn meinem Cousin was passiert, bist du ein toter Mann!“. Karim versteht gar nicht mehr. Er ist mit seinen Kräften am Ende, und er ist sauer. „Du nennst dich Muslim? Nenn mir einen Vers aus dem Koran, der rechtfertigt, wie du mich behandelst”. Wütend schaut der Mann ihn an. „Halts Maul“, sagt er und geht.

 

Noch in der selben Nacht wird Karim erneut aufgeweckt. Muss er nun wieder Fragen beantworten? Wird man wieder auf ihn zielen? Nein. Stattdessen wird Karim zum Emir gebracht, dem Anführer der Gruppe. Er empfängt den Studenten in einem luxuriösen Zimmer. Und Karim beginnt zu verstehen, warum die Männer so nervös sind. Der Emir erklärt, dass Karims Entführer selbst zum Opfer einer Entführung geworden sind. Ironie des Schicksals, könnte man sagen. Den Männern wurde bei einer Geldübergabe eine Falle gestellt, bei der Geldübergabe für Karims Freilassung. Nun hat die Ahram al-Sham seine Entführer in ihrer Gewalt und fordert einen Tausch. Die Ahram al-Sham ist eine der größten syrischen Rebellengruppen, die gegen die Regierung in Damaskus und kämpfen. In den von ihr besetzten Gebieten fungiert sie als Bezirksregierung, kümmert sich um die Verwaltung, den Aufbau, die Versorgung der Bevölkerung und die Einhaltung der Gesetze. Ihr Gesetzbuch ist die Sharia.

Karim merkt, dass der Emir eine Menge Angst vor der Ahram al-Sham hat. „Was man dir angetan hat, ist schlimm, ich wusste davon nichts“, beteuert er, „Wir bringen dich zur Ahram al-Sham. Sag ihnen, dass wir nichts von dem wussten, was die zwei Männer mit dir gemacht haben. Sie gehörten zu mir aber ich hatte nichts von ihren Taten gegen dich gebilligt. Berichte das der Ahram al-Sham. Oder sie werden uns allen den Kopf abschlagen.“ Karim weiß, dass er einwilligen muss. Er will kein Blutvergießen, nicht mal, wenn es das Blut seiner Entführer ist. Und wo die sind, da sind auch sein Handy und seine Papiere. Der Emir lässt Karim auf ein schönes Zimmer bringen. Dort warten ein weiches Bett, Obst und Schokolade auf ihn. Es ist die erste Nacht, in der Karim gut schläft.

 

Am nächsten Morgen wird er weggebracht. Ein paar Männer fahren ihn zum Treffpunkt. Karim wird in einen Raum geführt, in dem eine Hand voll bärtiger Männer an einem Tisch sitzen. Als sie ihn erblicken, beginnen sie zu strahlen und zu rufen: „Der entführte Junge! Allah sei dank! Du bist der Junge!“ Die Ahram al-Sham begrüßen Karim freudig. Über einen Händler hatten sie von der Entführung erfahren und die Erpressung genutzt, um den Kidnappern eine Falle zu stellen. Nun hatten sie Karim erfolgreich zurück erpresst! Doch die Verbrecher, die einen Studenten seiner Freiheit beraubt und seinen Eltern gedroht hatten einfach frei lassen? Das hatten die Rebellen ganz und gar nicht vor. Aber Karim will keinen Mord in seinem Namen! Er bittet um Gnade und um die friedliche Freilassung der anderen Gefangenen, die noch immer in der Villa in Aleppo sein mussten. Schließlich willigen die Männer ein, war es doch ein Freudentag. Bevor sie Karim nach Hause zurückkehren lassen, soll er anonym vor einer Kamera von seiner Entführung erzählen.

Karim sitzt auf einem Sofa im Wohnzimmer eines Backsteinhauses in Nordrhein-Westfalen. Es ist halb drei Uhr morgens, erst seit wenigen Stunden ist er in Deutschland. Obwohl er recht gut Englisch spricht beantwortet er meine Fragen in arabisch. Ein Syrer, der schon lange in Deutschland lebt übersetzt.

Karim ist frei. Er lebt und er ist frei. Vier Tage war er in der Villa gefangen. Er hat sein Handy zurück, seine Papiere. Und trotzdem sitzt er hier als Flüchtling und erzählt mir seine Geschichte. Wieso konnte er nach seiner Befreiung nicht nach Hause zurückkehren?

 

Karim hat seine Prüfung verpasst, er kann sich nicht länger vom Militärdienst befreien. Der Militärdienst bedeutet den sicheren Tod, Kämpfe gegen die IS-Miliz, gegen die Freie Syrische Armee, gegen die Ahram al-Sham. Und der Film, in dem er von der Entführung erzählt ist in den Orient News gelaufen. Das ist ein Programm, eine Art Fernsehsender der Ahram al-Sham. Karim ist in einem Beitrag zu sehen, der vor den Straßen außerhalb der von der Ahram al-Sham besetzten Gebiete warnt. Und anonym nach deutschem Medienrecht ist der ganz und gar nicht. Obwohl er nur ab Kinn abwärts zu sehen ist, haben ihn Familie, Freunde und sicher noch andere sofort wiedererkannt. Karim erzählt von seiner Entführung und von seiner Rettung durch die Rebellen, und er ist identifizierbar. Wie soll er dem Geheimdienst erklären, dass er kein Freund der Rebellen ist, dass er nichts mit ihnen zu tun hat? Tagelang versteckt er sich in Aleppo, später am Rande von Latakia. Karim rasiert sich, schneidet seine Haare kurz. Damit er nicht mehr so aussieht wie im Video. Im Geheimen trifft er sich mit seiner Familie und engen Freunden. Er hat Angst. Karim liebt seine Heimat, er will nicht weg. Aber es bleibt ihm nichts anderes übrig. Ab diesem Zeitpunkt ist Karim ein Flüchtling. Er muss fliehen, vor einem drohenden Missverständnis, das ihm das Leben kosten könnte.

 

Am zweiten Oktober 2014 flieht er in die Türkei. Von Bodrum siedelt er auf die griechische Insel Kos über und meldet sich dort bei den Behörden. Doch Griechenland ist pleite und mit Flüchtlingen überfüllt. Gemeinsam mit anderen Syrern finanziert sich Karim selbst eine Wohnung in Athen. Geld hat er ja, schließlich hat er neben dem Studium immer gearbeitet. Fünf Monate lang versucht er weiter nach Italien zu kommen, erfolglos. Er fliegt zurück in die Türkei, nach Istanbul. Doch dort wollen sie ihn auch nicht. Er wird verhaftet und auf Staatskosten wieder nach Athen geschickt.

Karim ist einer von über 4 Millionen syrischen Flüchtlinge, die kein Land haben will.


Sofa. Backsteinhaus. Nordrhein-Westfalen. Karim zeigt mir Videos von Straßenfesten und Musikauftritten. Dann eine Aufnahme, die ein paar gestrandete Menschen auf einer Felsinsel zeigt. Sie stehen um brennende Kleidungshaufen, strecken ihre Hände nach dem Feuer aus. Die Kamera zeigt ein kaputtes Motorboot und das tosende Meer. Das Verrückte: keine dieser Aufnahmen ist älter als ein Jahr. Theaterabende in Latakia – trotz Bürgerkrieg, ein gescheiterter Fluchtversuch nach Italien – wegen dem Bürgerkrieg. Nach knapp drei Stunden schalte ich das Aufnahmegerät aus, Karim hat seine Geschichte zu Ende erzählt. Anfang März hat er doch noch einen Schleuser gefunden, der ihn für 3.500 Euro nach Deutschland geschmuggelt hat. Noch in seiner Ankunftsnacht habe ich über Bekannte von ihm erfahren, einem Treffen sagte er sofort zu. Morgen will er schon wieder weiter ziehen, in eine Großstadt, Asyl beantragen. „Ich will auf jeden Fall arbeiten, mich selbst finanzieren. Mit meiner Juraausbildung kann ich hier ja nichts anfangen, trotzdem würde ich gerne weiterstudieren.“

Karim ist genauso alt wie eine meiner Schwestern. Er ist genauso Student wie ich. Mit einem kleinen Unterschied: Karim ist nicht frei. Er ist auf der Flucht.
Make your own infographics at Infoactive.

 

[1] Name geändert