Bunt, interaktiv, auffallend: Datenjournalismus im Netz kommt in vielen Formen und Farben. Daten sexy aufbereiten, harte Fakten zu Eyecandy verarbeiten. Und nebenbei einen Mehrwert für den Leser schaffen. Gar nicht mal so leicht, denn das Ganze soll ja auch noch stimmen und möglichst aktuell sein!

 

Soll.

Datenjournalismus [ist] in deutschen Medien immer noch eine Rarität. Er wird einfach kaum gemacht. Und wenn, läuft er Gefahr, schick auszusehen, aber journalistisch mangelhaft zu sein. Journalismus reduziert auf die Optik. Plastik-Eyecandy, ein Lutschbonbon ohne Füllung. Das alles sollte Datenjournalismus nicht sein. In meinem letzten Beitrag hatte ich vorgeschlagen, journalistische Kriterien zur Bewertung von ddj-Projekten heranzuziehen und die Öffentlichkeit durch eine fortlaufende Qualitätsdebatte für guten Datenjournalismus zu sensibilisieren. Ganz so einfach ist das aber nicht. Damit data-driven-Mogelpackungen keine Chance haben, müssen Redaktionen und Leser sie schneller von richtigem Datenjournalismus unterscheiden lernen. Dafür müssen sie richtigen ddj aber erstmal kennen.

Blind Date mit data-driven-journalism

Der erste Kontakt zu Datenjournalismus-Projekten ist wie ein Blind Date. Als Laie kann man nicht sehen, ob die Visualisierung die Realität verzerrt, ob korrekte Daten dahinterstecken, ob sorgfältig gearbeitet wurde. Seit ich mich mit data-driven-journalism beschäftige lerne ich jeden Tag neue Sachen kennen. Und obwohl ich das jetzt schon länger mache, erkenne ich auch nicht immer gleich, was hinter einer bunten Anwendung steckt. Vermutlich falle ich beim surfen nach ddj-Projekten öfter mal auf Plastik-Eyecandy herein. Deshalb müssen datenjournalistische Qualitätsmedien her, sozusagen priviligierte ddj-Quellen, bei denen sich Nutzer von Anfang an sicher sein können, dass hier nur echter Datenjournalismus betrieben wird. Vielleicht sollten anerkannte Qualitätsdatenjournalisten ihren Stempel darunter setzen, Björn Schwentker approves oder Das offizielle Christina Elmer – Gütesiegel. Oder den Mediendoktor auch auf datengetriebene Geschichten ausweiten? Keine schlechte Idee eigentlich.

Noch viel schlimmer als das Qualitätsproblem finde ich aber, dass Datenjournalismus trotz seiner Auffälligkeit außerhalb der Gruppe der Eingeweihten kaum bekannt zu sein scheint. Wie gesagt: Bunt, interaktiv, auffallend! Wieso kennt keiner meiner Freunde und Verwandten, die nicht Journalismus studieren den Begriff Datenjournalismus? Wieso kannte ich ihn selbst nicht, bevor ich den Schwerpunkt vor einem Jahr mehr unabsichtlich ausprobiert habe?

 

Über den Tellerrand

In Deutschland ist ddj noch im Aufbau. Die datenjournalistischen Qualitätsmedien gibt es, doch es sind wenige und bisher hat noch kein Medium das gesamte Potential ausschöpfen können, dass der ddj bietet. Viele Redaktionen bleiben beim Wellnessdatenjournalismus stehen, der zwar interessant und unterhaltsam aber nur ein einzelner Farbton der Palette ist. Datenjournalismus kann investigativ sein, kann sich mit aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen auseinandersetzen. Lorenz Matzat schlägt sogar vor, die Daten selbst zum Thema vom Datenjournalismus zu machen. Und er fragt zu Recht: Wo war das datenjournalistische Projekt zur Griechenlandkrise? Wenn ddj keine völlig neue Sparte, sondern eine moderne Methode und Darstellungsform des klassischen Journalismus ist, warum wird er dann noch nicht in jedem Themenbereich genutzt?

Das wird er. Wenn man weiß wo man suchen muss findet sich eigentlich zu jedem Bereich etwas datengetriebenes. Allerdings selten in der allgemeinen Berichterstattung, mehr versteckt auf Datenblogs und nur zu scheinbar zufällig ausgewählten Ereignissen. Zwar gibt es ddj-Gruppen in den Redaktionen bekannter Medien, die kommen aber erst jetzt langsam von Leuchtturmprojekten und Wellness-Eyecandy weg. Vielleicht weil das die Art ddj ist, die die meisten Klickzahlen bekommt. Investigativer ddj ist oft noch zu unsexy, außerdem braucht er viel Zeit und Sorgfalt. Doch auch wenn er gemacht wird findet man ihn nur durch aktives Suchen zwischen all den anderen Geschichten auf dem Datenjournalismus-Wühltisch.

 

WalterDdj-Meltingpot

Der Datenblock der Zeit online, die Interaktiv-Sparte der Berliner Morgenpost oder die Datenlese bei Spiegel online. Qualitäts-ddj-Wühltische. Einige Geschichten sind Wellness-ddj, andere setzen sich mit brisanten politischen Themen auseinander. Direkt unter der Netzwerkanalyse von YouTubern findet sich ein Stück zu Flüchtlingen, daneben was zu deutschen Islamisten.

Ich finde es toll, dass Datenjournalisten an so völlig unterschiedlichen Themen arbeiten können. Ein bisschen mehr System in der Positionierung würde allerdings nicht schaden. Ansonsten findet man ddj nur, wenn man nach ihm sucht und nicht deshalb, weil er etwas thematisiert, über das man sich gerade informieren wollte. Denn Leuchtturmprojekte und unnützes Wissen kommen zwar immer gut an, doch Datenjournalismus sollte auch in der gewöhnlichen Berichterstattung Fuß fassen können. Es gibt tolle Projekte zu spannenden Themen, die mehr sagen als ein Fünfspalter in der Tageszeitung. Trotzdem findet man die nur, wenn man extra dafür Datenblogs besucht oder Datenjournalisten auf twitter folgt.

Keine Frage: ich finde Foren super, bei denen es nur um ddj geht. Für jemanden wie mich, der sich Datenjournalismus anschaut, weil es Datenjournalismus ist und nicht weil man die neusten Nachrichten checken wollte, sind solche Wühltische perfekt. Aber weshalb findet man ddj meist nur auf solchen Extraseiten? Wieso wird er nicht öfter in die normalen News-Kategorien zwischen den Text- und Videobeiträgen integriert? Wenn Datenjournalismus als Darstellungsform ganz normal ins Layout der Onlineauftritte aufgenommen werden und sich nicht immer nur hinter dem Daten– oder Interaktiv-Knopf verstecken würde, dann könnten auch unwissende Nutzer von seiner Existenz etwas mitbekommen. Dann würden sie Datenjournalismus dort finden und nutzen, wo sie sich auch sonst informieren: bei einem Medium, dem sie vertrauen. Vielleicht würde ddj dann nicht mehr so leicht auf seine Optik reduziert werden, weil er dann den (Informations-)Ansprüchen der Leser genügen muss, die sich sonst über Artikel und Videobeiträge mit Journalismus versorgt haben. Die Blogs mit tollen Leuchtturmprojekten sollen ja nicht verschwinden, aber Datenjournalismus sollte als Methode und Darstellungsform mehr an der allgemeinen Berichterstattung teilnehmen.