GASTBEITRAG VON KIRA SCHACHT @daten_drang

datentaeter_text_graphicIch bin angehende Datenjournalistin. „Datenjournalistin in den Kinderschuhen“, wie sich @datentaeterin nennt. Sehr passend, denn der deutsche Datenjournalismus ist aus den Kinderschuhen selbst kaum herausgewachsen. An den amerikanischen Standard reichen wir noch lange nicht heran, Jahrzehnte an CAR-Expertise fehlen dazu.

Als junger Journalist in ein solches Feld hineinzuwachsen, hat ungewöhnliche Nebeneffekte. Es ist ein Abenteuer, aber ein attraktives. „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist ein Satz, den wir im Datenjournalismus kaum zu hören bekommen. Der deutsche DDJ ist vielfältig, innovativ und dynamisch. Chaotisch, könnte man auch sagen.

Die Vielfalt stammt nämlich nicht unwesentlich daher, wie entgrenzt das Fach zurzeit ist. Die Debatte, was Datenjournalismus eigentlich ist, wird vom Laien bis zum Experten noch auf allen Ebenen geführt. Sprechen wir von einer Methode, einer Darstellungsform, von beidem oder etwas ganz anderem? Ist das letzte Ziel sogar, den Begriff als solchen aufzulösen, damit Daten zum selbstverständlichen Bestandteil des Journalismus werden? Viele der erfahreneren Datenjournalisten werden der Diskussion bereits müde – verständlich, doch erschöpft ist sie noch lange nicht. Während nämlich die Definitionsarbeit noch in vollem Gange ist, wird fleißig weiter produziert unter dem Arbeitstitel Datenjournalismus. Und wer oder was unter dieser Flagge segelt, bleibt oft Überraschungspaket.

Denn momentan ist ein Datenjournalist vor allem einer, der sich selbst so nennt. Über die Bezeichnung hinaus vereint die deutschen Datenjournalisten hauptsächlich, was auf die meisten ihrer Kollegen ebenfalls zutrifft: Der Wunsch, die Wirklichkeit abzubilden, die Mächtigen zu kontrollieren, Missstände zu kritisieren und dabei vielleicht sogar ein wenig zu unterhalten. Eine geringere Scheu vor Zahlen als die Durchschnittsjournalisten können sich die Datenkenner noch anrechnen, doch kurz dahinter klaffen Ansichten und Arbeitsweisen deutlich auseinander. Da gibt es die Kollegen, die für Begrenzung plädieren: Datenjournalismus soll kritisieren, soll einen klare Zwecke verfolgen, soll wissenschaftlich fundiert arbeiten. Unterdessen erfreuen sich Projekte aus der Sparte „Wellness-DDJ“ großer Beliebtheit. Bunte Grafiken und interaktive Karten haben schließlich wunderbaren Unterhaltungswert – und revolutionieren nebenbei die Informationsvermittlung auf ganz eigene Weise.

Es ist also nicht so, dass es an Definitionen fehlt. Im Gegenteil, wir ertrinken förmlich darin. Wo es an Allgemeingültigkeit fehlt, wird jeder zum Experten, und damit ist es niemand.

Gerade für uns DDJ-Küken offenbart sich so eine Welt voller Möglichkeiten, aber auch voller Widersprüche. Wir stehen vor gleichberechtigten, aber völlig verschiedenen Ansichten, jede mit eigener Vorstellung davon, was im Datenjournalismus wichtig ist. Es liegt also an uns, die Widersprüche auszuhalten, von den Profis zu lernen und unseren eigenen Datenjournalismus zu basteln.

Um dem Datenjournalismus in Deutschland eine Form zu geben, wird es einiges an Erfahrung und vor allem Willen zur Definition brauchen. Die Arbeit im entgrenzten Raum hat zwar ihren Reiz, behindert aber auf Dauer eine effektive Kommunikation und Weiterentwicklung. Vielfalt ist wunderbar, Struktur braucht sie dennoch.

Bis dahin allerdings plädiere ich vor allem für Nachsicht. Nachsicht im Umgang mit Kollegen, deren Datenjournalismus so ganz anders aussieht als der eigene. Im Umgang mit unbeholfenen Definitionsversuchen. Und im Umgang mit uns angehenden Datenjournalisten. Denn so ganz weiß niemand, was wir eigentlich tun.

GASTBEITRAG VON KIRA SCHACHT @daten_drang